Alle wollen spielen (2)

Digitale Spiele sind zentraler Bestandteil im Alltag vieler Menschen - jedoch können aufgrund von Barrieren nicht alle Teil dieser Spielekultur sein. Ein Überblick über das Feld inklusiver Spiele, ihrer Chancen, Möglichkeiten und Probleme.
(Habben, Stefanie, Schüler beim Festival Spamfilter in Hannover 2015)

Ein Artikel von Stefanie Habben.

 

Welche Probleme können sich in der Nutzung von digitalen Spielen für Menschen mit Behinderungen ergeben? Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst die Feststellung gemacht werden, dass die Entwicklung von vollständig barrierefreien Spielen praktisch nicht umzusetzen ist, da die Vielzahl von möglichen geistigen und körperlichen Einschränkungen kaum erfasst und die Spiele an diese spezifischen Bedürfnisse angepasst werden können. Dennoch kann zwischen verschiedenen Einschränkungen unterschieden werden, denen zumindest inklusiv in der Spieleproduktion begegnet werden kann.

Menschen mit einer Sehbehinderung machen sich digitale Medien vor allem durch die auditiven Eigenschaften nutzbar: Sogenannte Audio Games lassen sich vollständig ohne visuelle Ausgaben spielen, indem auditive Merkmale im Spiel so angelegt wurden, dass sie klare systemische Hinweise für die Spieler*innen bereithalten. Doch auch kommerzielle Spiele können auf solche Eigenschaften zurückgreifen. Beispielsweise das Untertitel, Menüpunkte oder Hinweise zur Eingabe im Spiel vorgelesen werden, damit sich die Spieler*innen innerhalb der Bedienung und Zielsetzungen des Spiels orientieren können. Die größte Herausforderung für Menschen mit einer Sehbehinderung ist häufig, dass sie einem Spiel nicht mal beitreten können, da ein rein visuelles Menü für sie nur schwer zu bedienen ist. Um darüber hinaus die visuelle Welt für die Spieler*innen erfahrbar zu machen, können Audiodeskriptionen eingesetzt werden, welche ähnlich wie ein Hörspiel die Umgebungen und Level umschreiben. Weitere Möglichkeiten und Hilfestellungen für Spieler*innen wären, dass die Größe von Untertiteln verstellbar ist, länger auf den Bildschirmen angezeigt oder wieder aufgerufen werden können. Von solchen optionalen Funktionen im Spiel würden auch Spieler*innen ohne Behinderungen profitieren, da narrative Inhalte oder Aufgabenstellungen einfach nochmal aufgerufen werden könnten.

Auch für taube Menschen ergeben sich verschiedenen Barrieren im Spiel: Manche Genre, wie beispielsweise Horror oder Adventure Games, beinhalten verschiedene auditive Motive im Spieldesign, die als systemische Hinweise an die Spieler*innen fungieren, wie etwa das Anzeigen von Präsenz oder Annäherung feindlicher Figuren usw. Barrierearme Spiele versuchen, dass auditive Merkmale mittels anderer Darstellungen im Spiel implementiert werden, etwa durch zusätzliche visuelle Reize oder Force Feedbacks über die verschiedenen Gamepads.

Motorische Behinderungen können in zahlreichen Formen auftreten, wodurch die Gestaltung barrierearmer Spiele sich sehr komplex gestalten kann. Vor allem die Eingaben in das Spiel stellen für die Spieler*innen mit motorischen Behinderung häufig ein Hindernis dar: Beispielsweise haben sie oftmals nicht die Möglichkeit ein Spiel über die herkömmlichen Gamepads oder Computer-Hardware wie Maus und Tastatur zu steuern, sondern benötigen Tools, die speziell auf die einzelnen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Damit diese Spiele auch mit diesen Gamepads gespielt werden können, wäre es notwendig, dass sich die Eingabemöglichkeiten im Spiel konfigurieren lassen sowie die Geschwindigkeit und Schwierigkeit der Spiele durch die Spieler*innen selbst eingestellt werden kann.

Neben den motorischen Einschränkungen sind auch kognitive Behinderungen ein Grund, warum manche Spiele nicht für alle gleichermaßen nutzbar sind: Sowohl Lernschwächen oder auch hirnorganische Störungen erschweren eine Interaktion der Spieler*innen mit den verschiedenen Spielinhalten, da diese oftmals zu hohe Anforderungen in ihrer Komplexität, Geschwindigkeit und Spielmechanik an die Nutzer*innen stellen. Ein möglicher Ansatz wäre, dass ähnlich wie bei einer konfigurierbaren Steuerung, auch die Anforderungen der Spiele je nach Bedürfnissen angepasst werden können. Einige Spiele, wie beispielsweise diverse RPGs, bieten es den Spieler*innen bereits an, verschiedene Schwierigkeitsgrade im Vorfeld einzustellen – diese sind jedoch in den seltensten Fällen weiter individualisierbar und zielen lediglich auf die Bedürfnisse von Spieler*innen ohne Behinderungen ab. 

 

Siehe Fortsetzung in Teil 3.

Artikel erschienen am: Donnerstag, 08. Oktober 2015