Amoklauf in München

Mit Bestürzung haben auch wir am vergangenen Freitag die Nachrichten aus München verfolgt. Inzwischen hat sich erwiesen, dass es sich bei der Schießerei in einem Einkaufszentrum um den Amoklauf eines 18-Jährigen gehandelt hat. Böse Erinnerungen an Erfurt, Emsdetten und Winnenden wurden wach – drei Orte, die Synonym geworden sind für Gewalttaten jugendlicher Einzeltäter, verübt an Mitschülern, Lehrern, Passanten und Polizisten.
© Maurizio Gambarini/dpa

Wie bei den damaligen Amokläufen wird auch diesmal seitens der Politik gewalthaltigen Computerspielen eine Mitschuld zugewiesen. Nach der Tagung des Bundessicherheitskabinetts trat Bundesinnenminister Thomas de Maizière am vergangenen Samstag vor die Presse und behauptete unter anderem, kein vernünftiger Mensch könne bestreiten, dass „das unerträgliche Maß von gewaltverherrlichen Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen hat.“ Auch Volker Kauder, Unionsfraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, forderte, „diese Ego-Shooter-Spiele [müssten] hinterfragt werden.“

 

Damit bedienen Spitzenpolitiker erneut das Argumentationsmuster der Debatte der 2000er Jahre. So wie der Innenminister und seine Kollegen die Debatte führen, werden sie allerdings den Opfern nicht gerecht und können zukünftige Taten nicht verhindern. Sie täuschen einfache Antworten vor, wo es keine gibt und lenken von gesellschaftlich wichtigen Fragen ab, etwa wie ein 18-Jähriger an eine Waffe mit 300 Schuss Munition kommt oder welchen Einfluss soziale Isolation auf die Psyche gerade von jungen Menschen haben kann. Die Stiftung Digitale Spielekultur möchte deshalb vor solchen verkürzenden und vom Kern des Problems ablenkenden Einschätzungen warnen und zur Versachlichung der Debatte beitragen. Hierzu möchten wir auf eine Auswahl von Artikeln zur Einordnung des Geschehens und der politischen Reaktion verweisen.

 

Petra Fröhlich, Chefredakteurin von gameswirtschaft.de und Veteranin des deutschen Spiele-Journalismus (PC Games), meint, die Diskussion laufe falsch, und zwar in beiden Lagern.

In Jannis Brühls Artikel in der Süddeutschen Zeitung „Zurück in die Nullerjahre: De Maizière reanimiert Killerspiel-Debatte“ kommt u.a. unser Beiratsmitglied Prof. Dr. Maic Masuch zu Wort. Diskutiert werden die vielen, nun wieder reflexhaft bemühten, Studien der Medienwirkungsforschung.

Mario Sixtus ruft in seinem Blog über #münchen zur Introspektion auf, statt auf vermeintliche „äußere“ Feinde zu schielen. „Wir müssen uns selbst fragen, wie so etwas passieren kann, nicht die Computerspielhersteller und nicht die Geheimdienste.“

Zu Thomas de Maizières Nachsatz, die schädliche Wirkung gewaltverherrlichender Spiele auf die Entwicklung gerade junger Menschen könne „kein vernünftiger Mensch bestreiten“, meint Markus Böhm bei Spiegel Online: „Natürlich geht das, es ist sogar wichtig, dass über das Thema gestritten wird.“ Die Studienlage zur Medienwirkungsforschung sei alles andere als klar.

Gamestar-Redakteur Michael Graf will sich auf eine erneute Debatte über gewalthaltige Spiele einlassen, sofern sie unaufgeregt und ohne „Schaum vorm Mund“ geführt wird. Er weist u.a. auf den deutschen Computerspielpreis und den stetigen Wandel in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien hin.

Statt sich in einer wiederkehrenden Debatte über Gewaltverherrlichung in Spielen zu verlieren, sollten wichtigere Themen wie psychische Betreuung, mediale Präsentation von Amokläufern oder Mobbing thematisiert werden, fordert Christian Schiffer.

Wolfgang Walk spricht sich dafür aus, die Gewaltdiskussion in der Spiele-Branche intensiv zu führen, um die Deutungshoheit bei dem Thema Populisten zu entziehen.

Auch der GAME Bundesverband fordert eine sachliche Diskussion über gewalthaltige Spiele, in der auf monokausale Schuldzuweisungen und Stigmatisierungen verzichtet wird.

Artikel erschienen am: Montag, 25. Juli 2016