free2play - unsere Meinung

Kostenfalle und getrübter Spielspaß - das Thema free2play wird immer wieder diskutiert, zuletzt vor allem wegen EAs Dungeon Keeper-"Fehltritt". Natürlich haben auch die Mitglieder des Stiftungs-Teams eine Meinung zu diesem ziemlich umkämpften Modell. Die möchten wir euch hier nach und nach vorstellen.
Unsere Meinung
zu aktuellen Themen. Diesmal: Das free2play-Modell

Peter Tscherne (Geschäftsführer): "Ich persönlich finde die Debatte wichtig, aber etwas übertrieben. Seit 1976 spiele ich digitale Spiele. Viel Geld habe ich gelassen (auch für viel Schrott), meistens 30-60 Euro für EIN Spiel. Stop, nein: für einige Automatenspiele in den 80ern habe ich sicherlich einiges mehr geopfert. War das Abzocke? Heute, mit weniger Zeit als früher freue ich mich darüber, wie viele kostenlose oder preiswerte Titel in Top Qualität es gibt, die man gut zwischendurch spielen kann. In den letzten zwei Jahren hatten wir als Familie eine Menge Spass mit free2play Titeln wie z.B.: Rayman Fiesta, Where is my Water, Temple Run, Ridiculous Fishing, Bravesmart, Quizduell, Subway Surf...obwohl wir kein einziges davon zu Ende gespielt haben. Trotzdem hatten wir Dutzende Stunden Spielspass für ein paar Euro. Noch nie gab es so ein breites Spektrum an digitalen Spielen und so eine verästelte und hochspannende Spielekultur wie 2014: da ist für alle mehr als genug dabei. Außerdem glaub ich an mündige Konsumenten: am erfolgreichsten werden immer die Titel sein, bei denen das Spielekonzept vor dem Finanzierungskonzept kommt. Die schwarzen Schafe, die es in jeder Industrie gibt, werden langfristig keinen Erfolg haben."

 

Silja Rheingans (Projektassistentin): "Ich muss zugeben, dass ich noch relativ unerfahren bin auf dem Gebiet. Mit meinem neuen Tablet habe ich auch zum ersten Mal free2play-Spiele ausprobiert, vor allem kleine Casual Games, mit denen ich die Fahrt in der U-Bahn oder die Zeit im Arztwartezimmer überbrücke. Für mich liegt der Sinn des Spielens hier eher im Zeitvertreib als tatsächlich im Spaß an der raffinierten Spielmechanik. Deshalb finde ich es bei Spielen wie Candy Crush etc. bemerkenswert, dass Spieler tatsächlich Geld dafür ausgeben. Das kann ich schon eher bei komplexerem Gameplay nachvollziehen. Allerdings ist auch genau das der Punkt, an dem das free2play-Modell für mich uninteressant wird: Ich möchte gerne einfach drauf los spielen können, ohne mich immer wieder entscheiden zu müssen, ob ich Geld bezahle oder mich etwas gedulde. Denn beides unterbricht den immersiven Spielmoment und schmälert damit auch mein Vergnügen. Trotz allem finde ich gut gemachte (!) free2play-Spiele eine schöne Erweiterung des bisherigen Angebots, das digitale Spiele auch für diejenigen zugänglich macht, die sonst aus Kosten- und Zeitgründen lieber die Finger davon lassen. Und zum Thema Kostenfalle: Der falsche Umgang mit Geld ist das Problem, nicht die Spiele!"

Benjamin Rostalski (Projektmanager): "Mein Steam-Account ist voll von Spielen, die ich im „Sale“ geschossen oder in Humble Bundles erworben habe. Oder die ich in schwachen Momenten einfach haben musste! Wären diese Spiele alle auf einem Datenträger zu mir nach Hause gekommen, es wären geschätzte 50% noch eingeschweißt. Viele andere habe ich angespielt und oftmals auch für toll befunden. Aber ach – es sind zu viele! Es möge mir hoffentlich erspart bleiben, aber ich bilde offenbar Rücklagen für eine künftige Zeit schwerer Krankheit, die mich zur Häuslichkeit verdammen wird. (Eichhörnchen finden bekanntlich auch nur einen Bruchteil ihrer Nüsse wieder.)

Das ideale F2P-Modell, das mir vorschwebt, käme meinem Spielverhalten entgegen. Episodische Spiele wie „The Walking Dead“ geben hier die Richtung vor: Die erste Episode ist kostenlos. Fesselt sie mich und will ich nach dem Cliffhanger weiterspielen, werde ich moderat zur Kasse gebeten. Gern auch nach dem Modell „Pay what you want“. Hat mir das Spiel besonders gut gefallen oder sind mir die Entwickler sympathisch, werfe ich gern auch etwas mehr Geld in den Hut. Sieht man mal von mittellosen Spielern ab, sollte eigentlich jeder Spieler ein paar Euro berappen, wenn er weiterspielen möchte. Ist er dazu nicht bereit, scheint ihm das Spiel auch nicht zu gefallen. Dann kann er auch getrost aufhören, es zu spielen. Wer bis zum Ende gut unterhalten wurde, hat schlussendlich beim flimmernden Abspann soviel bezahlt, wie ein Vollpreisspiel im Laden kosten würde."

Niels Boehnke (Praktikant): "Gut gemachte F2P Titel heiße ich recht herzlich willkommen. Zu den besten zählen ganz bestimmt League of Legends, DOTA 2, World of Tanks und Guild Wars. Was an dieser kleinen Avantgarde sofort auffällt: allesamt PC-Spiele. Denn allzu oft scheint die Plattform bereits das erste verlässliche Zeichen für die Güte und spielerische Qualität eines F2P-Titels zu sein. Auf dem Mobile-Markt ist das F2P Angebot aus Spielerperspektive grausig, von einigen Ausnahmen wie Quizduell abgesehen. Dass Spieleentwicklung irgendwie finanziert werden muss, steht nicht zur Debatte und niemand erwartet altruistische Spieleproduktion aus bloßer Liebe zum Medium. Aber zu viele F2P-Titel machen sich nicht einmal die Mühe, wenigstens ansatzweise zu verschleiern, dass das Finanzierungskonzept vor dem Spielkonzept, vor Spielidee, Geschichte, Narrativ, Spielmechanik und Ästhetik kam. Was die Mehrheit am Smartphone für Spiele hält, sind oft genug nur behavioristische Konditionierungsprogramme. Die pawlowschen Probanden vorm Touchscreen lernen artig hier und da zu klicken, werden mit gezielten Dopaminduschen belohnt und gegen Echtgeld kann im Pool der Glückseligkeit gebadet werden. Was diese Titel mit Gaming zu tun haben? Nichts. Und wer glaubt, diese recht casualigen Titel würden das Medium in die Breite tragen und den „echten“ Games neue Spielerscharen zuführen, der irrt. Der Weg von Candy (TM) Crush (TM) Saga (TM) zu Fallout 3 dürfte für die meistens dann doch zu weit sein."

Artikel erschienen am: Mittwoch, 12. Februar 2014