Let’s Play – Vom (Schau)Spielen und Zuschauen (Teil 1)

Let’s Plays erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit und sind längst zu einem popkulturellen Phänomen geworden. Doch was macht ihren Reiz aus? Vera Marie Rodewald beleuchtet in ihrem Artikel, warum wir freiwillig den Controller aus der Hand legen, um anderen beim Spielen zuzusehen.
Vera Marie Rodewald ist freiberufliche Medienpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Für ihre Masterarbeit beschäftigte sie sich mit der theatralen Inszenierung des Computerspielens am Beispiel von Let’s Play-Videos. Sie ist Redaktionsleitung des Onlinemagazins für Medienbildung Mediennetz Hamburg sowie Vorstand des jaf – Verein für medienpädagogische Praxis e.V.. Als Mitglied der Initiative Creative Gaming e.V. ist sie Teil der Leitung des Festivals PLAY – Festival für kreatives Computerspielen. Mehr Informationen unter www.creative-gaming.eu

Let’s Play – Vom (Schau)Spielen und Zuschauen 

Wir alle spielen Theater: dieser Auffassung war schon der amerikanische Soziologe Erving Goffman Anfang der 80er Jahre. Als kultureller Mechanismus begegnet uns die Theatralisierung der Gesellschaft heute in sämtlichen Bereichen des Alltags. Denn überall dort, wo jemand sich selbst, eine andere Person oder etwas zur Schau oder vor die Blicke anderer stellt, kann von einem Schauspiel gesprochen werden, meint auch die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. Dies gilt nicht zuletzt auch für das Internet. Das weltweite Netz dient als virtuelle Bühne für zahlreiche Rollenspiele, in denen die Teilnehmer*innen abwechselnd als Darsteller*innen oder Zuschauer*innen auftreten. Ein passendes Beispiel ist die Videoplattform YouTube. Dort finden sie alle ein Publikum für ihre Selbstinszenierungen: die Do-it-Yourself-Aktivist*innen, die Protagonist*innen der Make-Up-Tutorials, die Coverbands.

Längst haben sich auch die Computerspieler*innen auf die virtuelle Bühne der Internetplattform begeben, um ihr Spiel nicht mehr im Verborgenen, sondern vor Zuschauenden auszutragen. „Let’s Play“ nennt sich das Phänomen, welches sich in der Jugend- und Populärkultur großer Beliebtheit erfreut. In den seriellen Aufzeichnungen von Computerspielsequenzen exponieren sich die Spieler*innen im Rahmen der Spielhandlung, greifen dramaturgisch in die Demonstration der virtuellen Welt ein und setzen die eigene Aktivität im Spiel auf gezielt unterhaltsame Weise für die imaginierten Zuschauer*innen in Szene. Die Spieler*innen spielen und kommentieren gleichzeitig ihr Spiel. Sie adressieren es damit an das fiktive Publikum und simulieren ein gemeinschaftliches Spielerleben, welches als Intention schon während der Produktion wirksam wird und sich dann als Aufforderung in der Rezeption entfalten soll: Lasst uns spielen!

Solche Let’s-Play-Videos stehen zwar in der Tradition von Walkthroughs und Tutorials, zeigen im Gegensatz dazu aber Videomitschnitte von Computerspielsitzungen, die mit einem Voice-Over-Kommentar der Spielenden versehen wurden. Es geht gerade nicht darum, unter Beweis zu stellen, dass Regelsysteme und Spielmechanismen und somit die Maschine vom Menschen perfekt beherrscht wird. Vielmehr lassen die Let’s-Play-Videos sowohl die audiovisuelle Ebene des virtuellen Spiels sichtbar, als auch die Assoziationen und Wahrnehmungen der Spielenden hörbar werden. Nicht selten wird dabei die eigene Spielkompetenz vor laufender Kamera im wahrsten Sinne heruntergespielt, um den Zuschauer*innen ein möglichst authentisches Spielerleben darzubieten.

Das Computerspiel wird zur theatralen Inszenierung

Auf diese Weise werden Spielende zu Schauspieler*innen ihrer gespielten Geschichte und das Computerspiel zur theatralen Inszenierung. Denn während sie zuhause allein vor der Konsole verweilen, schauen ihnen zahlreiche Zuschauer*innen über das Internet beim Spielen zu. Das Spiel verliert dadurch seinen eigentlichen Selbstzweck. Statt in die virtuelle Welt einzutauchen, tauchen die Spielenden als Darsteller*innen immer wieder auf. Sie leiten die fiktiven Mitspieler*innen gezielt durch das Spielgeschehen und greifen als Erzählende bewusst in die Handlung ein. Denn im Let’s Play-Video geht es nicht mehr um das Spielen als performativen Prozess, bei dem die Spielenden das Spiel durch die tatsächliche Betätigung des Controllers vorantreiben. Im Vordergrund steht nun vielmehr, dass dieses Spiel vor jemandem und für jemanden gespielt oder – im übertragenen Sinne – aufgeführt wird. Das absichtsvolle Darstellen dominiert dabei die Immersion. Die bloße Vorstellung einer zuschauenden Instanz verlangt von den Spielenden, ihr Spiel fortlaufend zu reflektieren. Um jedoch in der virtuellen Welt handeln zu können, müssen sie sich zeitweise mit dem Avatar in der fiktiven Umgebung identifizieren. Dieser Wechsel zwischen Aktion und Reflexion wird auch in ihren Äußerungen erkennbar, denn das unsichtbare Publikum motiviert die Spielenden zum Dialog. Sie nehmen – im theatralen Akt ganz versunken – kaum noch wahr, mit wem und über wen sie eigentlich sprechen. „Sie lebt noch. Wir leben noch“. So scheint es beinahe unmöglich, dieses „Wir“, das die Let’s Player*innen wiederholt zum Subjekt ihrer Handlungen und Sätze machen, überhaupt zu fassen.

Hier geht’s weiter zu Teil zwei des Artikels.

Artikel erschienen am: Montag, 04. August 2014